Seit 2010 veranstaltet die Fakultät Wirtschaft und Soziales an der HAW Hamburg die Ringvorlesung „Migration macht Gesellschaft“.

Mit dem Titel „Migration macht Gesellschaft“ soll zweierlei zum Ausdruck gebracht werden:

1. Dass Migration konstitutiv für Gesellschaft ist, also den Normalfall darstellt. Denn wie bspw. die Diffusionstheorie uns lehrt, haben wir es Migrationsbewegungen zu verdanken, dass unsere Erdkugel so bevölkert ist, wie wir sie heute kennen.

2. Mit der Mehrdeutigkeit des Begriffs „macht“ im Titel der Ringvorlesung soll auf die hegemonialen Machtprozesse, die heutzutage mit Migrationsphänomenen assoziiert sind, mit ihren weit reichenden Folgen für Individuen und Gesellschaft im Kampf um Zugang zu gesellschaftlichen, symbolischen und materiellen Ressourcen, hingewiesen werden.

Institutionen Sozialer Arbeit und (hoch-)schulischer Bildung, die qua Auftrag für Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit zu sorgen haben, agieren im Spannungsfeld zwischen der Abschaffung von diskriminierenden Verhältnissen und deren Reproduktion.

Diese diskriminierenden Machtprozesse und ihre vielfältigen Konsequenzen im Kontext der Migrationsgesellschaft theoretisch zu reflektieren, Widersprüche bzw. Konsequenzen für das professionelle Handeln aufzuzeigen und diese gesellschaftspolitisch einzuordnen ist das, was mit dieser Vortragsreihe intendiert wird.

FOKUS 2018: MIGRATION UND GESCHLECHTERVERHÄLTNISSE

Die Ringvorlesung behandelt im Sommersemester 2018 Verschränkungen von Migration und Geschlechterverhältnisse. Gemeinsam wollen wir betrachten, wie eine gesellschaftliche Spaltung in Wir und die Anderen durch die Überlagerung von Migrations- und Geschlechterdiskursen vorangetrieben wird.

Nach der Silvesternacht 2015 ist „Köln“ zu einer Chiffre geworden, die je nach Interessen und Machtpositionen unterschiedliche Maßnahmen legitimiert. Denn nicht nur das Sexualstrafrecht, sondern auch das Aufenthaltsgesetz wurde verschärft. Zudem gewannen Verdächtigungen im Alltag, sowie die unter dem Begriff „racial profiling“ gefassten systematischen, verdachtsunabhängigen Kontrollen von Menschen, aufgrund ihrer vermuteten Herkunft, vermehrt an Zustimmung. Verdächtigungen und Diskriminierungen in allen Lebensbereichen erscheinen, unter dem Postulat der Gefährdung „unserer Werte“ zunehmend als angemessen.

Während rechtskonservative Bewegungen und Parteien „unsere Werte“ und „unsere Frauen“ verteidigen wollen und mit der Eindeutigkeit ihrer Positionen auch politische Allianzen quer über Parteigrenzen bilden können, scheinen es differenzierte Analysen schwer zu haben. Das Verstehen komplexer Wirklichkeiten verträgt sich mit der Herstellung von Eindeutigkeit nicht. Es erfordert eine komplexe intersektionale Perspektive einzunehmen, die die Verschränkung und Wechselwirkungen verschiedener Kategorien sozialer Ungleichheit in den Blick nimmt. Auf diese Weise kann die Logik einer Externalisierung von Widersprüchen und Konflikten im Inneren der Gesellschaft auf äußere Feinde erkannt und die Funktion solcher Verschiebungen bei der Konstruktion einer Dichotomie zwischen »Wir« und den »Anderen« analysiert werden. Nicht zuletzt die Aktion unter dem Hashtag #metoo, bei der Hunderttausende Frauen weltweit von ihren Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen berichten, ruft in Erinnerung wie verbreitet und normalisiert sexualisierte Gewalt „bei uns“ ist und unterstreicht die Notwendigkeit, die Dinge zusammenzudenken.

Gemeinsam mit den Vortragenden wollen wir mit dieser Reihe postkolonialen, feministischen und antirassistischen Perspektiven mehr Gehör verschaffen, um das diskursive Knäuel etwas zu entwirren, Kontinuitäten der Abwertungs- und Ausgrenzungsmechanismen aufzuzeigen und um über Handlungsmöglichkeiten und Bündnisse nachzudenken.


Konzeptionsteam

Prof. Dr. Annita Kalpaka, Department Soziale Arbeit, HAW Hamburg

Prof. Dr. Louis Henri Seuwka, Department Soziale Arbeit, HAW Hamburg

Prof. Dr. Miriam Richter, Department Pflege und Management, HAW Hamburg

Dipl.-Pol./Dipl. Vw. Isabel Collien, Department Pflege und Management und Stabsstelle Gleichstellung, HAW Hamburg

BA. Soziologin Josephine Akinyosoye, Stabsstelle Gleichstellung, HAW Hamburg

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